Dünne Luft
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Schöner fliegen
Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette

Nee oder? Nicht das noch. Da will ich mal ganz entspannt einen netten Text lesen und dann DAS! Ich hasse es, wenn mir starke Raucher erzählen, sie hören mit dem Rauchen auf. Meistens lächle ich ein wenig süffisant und denke mir warten wir ab, das hält der/die eh nicht durch. Aber es kratzt ganz gewaltig, zwar nicht im Hals, sondern am Ego. Sowas hat nämlich mit Disziplin zu tun und macht mir klar, wie wenig ich in letzter Zeit davon habe. Vielleicht ist es auch ein weibliches Phänomen. Wenn ich früher in meinem Bekanntenkreis die Mitteilung verlauten ließ, dass ich jetzt abnehmen werde, kamen Bemerkungen wie aber das hast du doch nicht nötig. Wo willst du denn abnehmen? Du hast doch eine gute Figur so sicher wie das Amen in der Kirche. Ja ihr fetten Hühner, dachte ich, ihr habt doch nur Angst, ich könnte schlanker sein als ihr, ich könnte besser aussehen und euch die Kerle ausspannen, auf die ihr scharf seid. Als meine Freundin letzten Winter ab- und ich selbst zugenommen habe, lag es mir auf der Zunge. Gerade noch rechtzeitig habe ich den Satz abgebogen und ihr stattdessen zu ihrer tollen Figur gratuliert, obwohl ich mir daneben wie ein verwahrlostes Nilpferd vorkam. Das tut dem Selbstwertgefühl sehr, sehr weh.

Natürlich könnte ich selber abnehmen oder zu rauchen aufhören. Die Frage ist nur wann. Um ein Ziel zu erreichen, brauche ich auf der Wegstrecke gehörig viele Anfeuerungsrufe, Teilsiege und sichtbare Ergebnisse. Damit sieht’s sowohl beim Abnehmen, als auch beim Rauchen aufhören erst mal mau aus. Überhaupt ist das eine unmittelbar in seiner Auswirkung auf das andere verbunden. Also entweder abnehmen oder Rauchen aufhören. So recht kann ich mich da nie entscheiden. Meistens siegt dann das Phlegma, was dazu führt, dass ich zunehme und noch mehr rauche. Dann ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um auf Zigaretten zu verzichten. Irgendwie muss sich mein Frust schließlich entladen.
Früher sagte ich immer, es gäbe nur zwei Gründe, um mit dem Rauchen aufzuhören. Der eine war, wenn ich merken sollte, dass die Raucherei mein Lungenvolumen einschränkt und somit meine Bläserkarriere negativ beeinflusst, der andere wenn ich schwanger wäre. Die Folge davon war, dass ich mir eine ausgefeilte Technik aneignete, mit der ich jeden Nichtraucher bei langen Passagen schlug und allgemein so fit war, dass mich ein paar Treppenstufen noch nicht außer Atem kommen ließen.
Und das mit dem schwanger werden, nun ja, das ist jetzt auch bald durch. Ich war nämlich immer der festen Meinung, Kinder sind etwas, das einem passiert. Mein Kontrollzwang Meine Vernunft wusste es zu verhindern.

Selbst die steigenden Zigarettenpreise halten mich nicht von der Qualmerei ab. Meine Freundin sagt ja immer, wenn ein Mann heutzutage raucht, weißt du, dass er eine gute Partie ist. Mit dieser These bin ich allerdings auch auf ein paar sogenannte Lebenskünstler hereingefallen. Als solche bezeichnen sich heute nämlich vor allem die Typen, die lange brotlos irgendwelche Geisteswissenschaften studiert und unmittelbar im Anschluss daran Arbeitslosengeld beantragt haben. Ich weiß das, weil ich mich in einer bestimmten Phase meines Lebens ebenfalls als Lebenskünstler verstand. Heute habe ich immerhin einen Job, mit dem ich billiger an Zigaretten komme. Das ist echte Lebenskunst. Selbst die Fliegerei hat mich nicht von meinem Laster befreien können. Anfangs war ich so naiv zu glauben, es gäbe keine Raucher unter dem Flugpersonal. Die dürfen ja nicht während ihrer Arbeitszeit. Weit gefehlt, es findet sich immer eine Gelegenheit dazu. Seit ich Anschaffer bin [ich schaffe an und die anderen tun das, was ich sage], habe ich sogar den ultimativen Erpressungstrick bei Kapitänen raus, um eine Zigarettenpause durchzusetzen. Einen Teufel werde ich tun und den hier verraten. Aber seien Sie sicher, dass nicht jede kleine Verspätung auf das Konto der Technik oder der Wetterbedingungen geht. Auf Langstrecke ist das was anderes. Da habe ich eines Tages auf der Suche nach Essbarem in einer Box Kaugummis entdeckt. Nach fünf Minuten schmecken die fürchterlich und ich kann meinen Schluckreflex kaum überlisten. Schon als Kind habe ich eine Kaugummipackung in weniger als einer Viertelstunde verzehrt. Jedenfalls waren diese Kaugummis so Antiraucherzeug. Ein Kollege klärte mich auf, dass man die nicht permanent kauen darf, sondern nur ab und zu draufbeißt, damit Nikotinersatzstoffe frei werden. Da war’s allerdings schon zu spät. Der ätzenden Geschmack ließ sich selbst 8 Stunden später nicht mit Wein neutralisieren. Jetzt esse ich eben auf Langstrecke diese blöden Knabbertütchen.

Schlaumeier kommen letztlich mit dem Geruchsargument daher. Man könne alles besser riechen und schmecken, wenn man nicht raucht. Ich muss morgens schon beim Geschmack meiner Zahnpasta würgen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich Ostblockflüge, auf denen die Ausdünstung der Leute an süßliches Mottenpulver erinnert, noch geruchsintensiver durchstehen muss, wäre ich höchstwahrscheinlich arbeitsunfähig.
Fakt ist, dass es keinen Grund gibt, um dieses Laster abzuschaffen, denn ich habe keine Lust alt und fett zu werden, wenn ich noch nicht mal weiß, ob ich dann Rente kriege. Und man kann nicht immer nur an sich denken. So bleibt halt mehr für die Anderen übrig.
18.10.05 22:06
 
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