Dünne Luft
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Schöner fliegen
Don´t eat the yellow snow

[Frank Zappa]

Draußen schneit´s, als hätten wir die Olympischen Winterspiele zu bestreiten. Generell habe ich nichts gegen Schnee, denn der hat durchaus seine Vorteile. In der Stadt sind Verkehrsgeräusche gedämpfter. Auf dem Land wird man jedoch unsanft vom kratzenden Geräusch des schneeschaufelnden Nachbars aus dem Schlaf geholt.
In Ländern, in denen es sehr viel und sehr lange schneit gibt es – und das wissen wir spätestens seit das verehrte Fräulein Smilla darüber berichtete - einen Haufen unterschiedlichen Schnee, zumindest die Bezeichnungen sind vielfältig. Ich behaupte, in der Stadt gibt es nur drei Sorten: weißen, gelben und braunen. Der weiße liegt nur an Orten, die für Menschen nicht so leicht zugänglich sind, z.B. auf Dächern, Bäumen und abgesperrten Denkmälern. Der gelbe findet sich vorwiegend in Grünanlagen, an Häuserecken und vor Kindergärten. Braun wird der Schnee überall dort, wo Autos die Pracht unter ihren Reifenprofilen zermantschen und Leute drüberstiefeln.
Da sieht man mal wieder, wie es um die Hygiene in Großstädten bestellt ist. Hätten alle Leute saubere Schuhe, wäre der Schnee auch nicht so dreckig. Kann aber auch sein, dass die bösen Pendler den Dreck von außerhalb einschleppen. Die kommen mit ihrem Auto vom heimatlichen Acker und meinen, die Stadt wäre eine einzige große Waschanlage. Und dann beschweren sie sich noch, dass es dort so schmutzig ist. Ich bin dafür, dass nach einer durchschneiten Nacht ein Ausgehverbot verhängt wird. Dann könnten alle in ihren Häusern sitzen und den unberührten weißen Schnee vom Fenster aus bewundern.

Es gibt ja auch Orte, an denen es niemals schneit. Das ist für die dortige Bevölkerung sehr schade. Wenn man zum Beispiel ein Patenkind aus dem Kongo hat, für das man monatlich die horrende Summe von 5 Euro von seinem sauer verdienten Geld abzweigt, kann es einem passieren, dass man einen fein leserlich in englisch verfassten Brief bekommt, in dem das Patenkind fragt, wie es sich Schnee vorzustellen hätte. Dann sitzt man relativ ratlos da, denn - vorausgesetzt, man nimmt die Pflichten einer Patenschaft ernst - hat man schließlich einen Erziehungsauftrag. Da im Kongo vermutlich nicht einmal Zuckerwatte bekannt sein dürfte, kann man sich kaum mit hinkenden Vergleichen aus der Affäre ziehen. Also beginnt man ein wenig rumzustottern, erzählt was von Kälte, die dem Kongokind so bekannt sein dürfte, wie dem Blinden Farben, und endet schließlich hilflos in einer halbherzigen Einladung, da man einen Überraschungsbesuch aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel nahezu ausschließen kann.

In Wirklichkeit ist der Brief natürlich von einer Spendeneintreiberangestellten verfasst und die machen das absichtlich. Überhaupt kommt das Kind wahrscheinlich erst auf diese Frage, weil es angefixt wurde. Da reisen Spendeneintreiber durch ganz Afrika und fragen die Kinder wisst ihr denn, was Schnee ist? Und die Kinder sitzen mit großen Augen und offenen Mündern vor ihnen und antworten nein. Dann sagen die Spendeneintreiber, dass sie ja mal jemanden danach fragen können, beispielsweise die Leute aus Europa, die nur so dick sind, damit sie nicht frieren. Die Kinder gehen heim und denken nach, denn die wollen ja jetzt wissen, was Schnee ist. Dann weinen sie sich in den Schlaf, weil sie keinen von den Dicken fragen können. Die treffen sie ja nicht einfach so. Schreiben können sie auch nicht und wenn, dann nur in einer Sprache, die keiner von den dicken Touris versteht.
Schließlich kommt eine Spendeneintreiberbeauftragte und sagt, dass es nichts ausmache, dass sie nicht schreiben können. Sie bietet an, einen Brief zu verfassen und die mögliche Antwort zu übersetzen. Dies alles tut sie, wenn die Kinder schöne Bilder mit den mitgebrachten Buntstiften malen und sich fotografieren lassen. Die Kinder mögen aber keine Fotoapparate, denn die Uroma hat Geschichten von bösen Geistern erzählt, die in den komischen Fotokästen sitzen. Wenn schließlich die Neugier stärker als die Angst wird, posieren sie spärlich bekleidet mit jämmerlichem Gesichtsausdruck, malen die Bilder und strecken sie der Spendenbeauftragten mit zitternden Händen entgegen. Dann strahlt die Spendenbeauftragte, tätschelt sie ein wenig am Kopf und freut sich innerlich tierisch auf die Mittagspause, in der sie sich mit ihren Kolleginnen über die aus Europa eingetroffenen Antworten lustig machen kann.
Die Welt ist sehr schlecht, nicht nur im Winter.
10.2.06 10:56
 
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