[good night good night]
Herr Mav hatte einen Wunsch frei, weil er meinen Header entwarf. Er wünschte sich das
Peinlichste, was mir jemals passiert ist. Im Grunde schäme ich mich selten für irgendwas, doch nach längerem Sinnieren stieg aus den Tiefen meines Unterbewusstseins eine längst verdrängte Begebenheit auf, deren Peinlichkeit ich nun erneut durchlebe. Hoffentlich ist sie durch hiesige Niederschrift so weit verarbeitet, dass sie mir nicht zufällig beim freien Assoziieren auf der Psychiatercouch in die Quere kommt.
In einer Zeit, als es sowohl die Welt, als auch diverse körperliche Spielarten zwischen Mann und Frau zu erkunden galt, nahm ich beides mit einer gewissen Ernsthaftigkeit in Angriff. Beide Bereiche schienen mir fremd und groß, doch die Neugier war größer. Mit Hilfe eines Trampertickets fuhr ich ein oder zwei Wochen quer durch Deutschland. Tagsüber widmete ich mich den Städten, abends deren männlichen Einwohnern. So löste sich die Frage nach einem Nachtlager meist von alleine. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, war Göttingen der einzige Ort, an dem ich in einer Jugendherberge nächtigte. Das darf nicht zwingend als eine Aussage über die Bewohner dieser Stadt gewertet werden, vielmehr ergab sich keine Gelegenheit, und ich war wählerisch.
Das Szenario war vielfältig. Man lernte sich in Straßencafés, in Museen oder Restaurants, in Kneipen oder auf der Straße kennen. In einem Nebensatz bekundete ich meine Sorge um eine preisgünstige Unterkunft und jeder der Herren – dessen Beschützerinstinkt somit angesprochen war - wusste augenblicklich Rat. Meist folgte eine Einladung zum essen oder man zog um die Häuser. Bei letzterem war oft viel Alkohol im Spiel, der meine Sinne vernebelte und die Begleitung um ein vielfaches attraktiver erscheinen ließ. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich war ja ursprünglich katholisch erzogen und nicht gewillt, auf dem schnellsten Wege ins Fegefeuer zu gelangen. Nein, diese Herren waren bereit, mir völlig selbstlos Obdach zu gewähren. Seit der Zeit von Maria und Josef hat sich demnach das menschliche Verhalten beträchtlich verbessert, so meine Schlussfolgerung. Da war ich natürlich bereit, solch gütiges Benehmen ebenso selbstlos mit ein wenig körperlicher Zuwendung zu belohnen.
Ein besonders gütiger Herr, der mir zudem auch noch außerordentlich gefiel, spendierte in jener lauen Sommernacht besonders viel alkoholhaltige Getränke. Während wir munter plauderten, ließ ich ihm ein paar Streicheleinheiten zukommen – völlig absichtslos, versteht sich. Dies veranlasste wiederum besagten Herrn, mir noch näher zu kommen als bisher. Nach einigen Küssen – selbstverständlich nur geschwisterlicher Natur – schien er es eilig zu haben, mir unsere Schlafstätte zu zeigen. Wir wechselten den Ort des Geschehens und alsbald wurden aus brüderlichen Küssen recht leidenschaftliche, die ich natürlich erwiderte. Hätte ich diesen gütigen Menschen etwa brüskieren sollen? Nein, ich begab mich vertrauensvoll in seine Hände. Oh, und was für Hände das waren. Sie schienen kurz nach dem Schließen der Wohnungstüre überall auf meinem Körper und führten mich kurz darauf in Sphären, deren Existenz mir bis dahin nur aus der Literatur bekannt waren. Die wenigen Details, an die ich mich noch erinnere, möchte ich jedoch lieber schweigend genießen.
Am nächsten Morgen wurde ich noch vor ihm wach. Da ich erstaunlicherweise nackt war, schälte ich mich vorsichtig aus dem gemeinschaftlichen Nachtlager, schnappte meine auf dem Boden verteilte Unterwäsche und wollte ins Badezimmer huschen. Dabei hatte ich bereits hinter meinem Rücken das Rascheln der Bettdecke und ein dunkles Raunen aus männlicher Kehle vernommen. Wie peinlich wäre es gewesen, mich einem Mann, den ich nicht kannte, bei hellem Tageslicht nackt zu präsentieren. So schlüpfte ich schnell in meine Unterwäsche, drehte mich zu ihm und begrüßte ihn mit meinem strahlendsten Lächeln. Er erwiderte selbiges, doch sein Lächeln wurde immer breiter und sein Mund öffnete sich, um schließlich laute Lacher zu entlassen. Dabei fixierte er nicht etwa meine Augen, sondern etwas an meinem Körper unterhalb der Gürtellinie. Mein Blick glitt hinab zu jener Stelle, an der ich den Grund für seine morgendliche Fröhlichkeit vermutete. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich in der Eile meine Unterhose links herum angezogen hatte. Doch das war nicht das Peinlichste. Ich hatte vergessen, dass in der Hose die Slipeinlage klebte, die nun das Wäschestück von außen zierte.
Wie schön, dass der Herr in dieser Situation Humor bewies. So konnte wenigstens einer darüber lachen.