Dünne Luft
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Schöner fliegen
neither fish nor fowl

My way

[Frank Sinatra]

Versuch einer zwidernen Geobiographie

Geboren Rechts der Isar, Eltern Bayern, Demnach durch Geburt und Erbe ebenfalls Bayer. Mutter vermutet Verwechslung mit dem Tierversuchsheim gegenüber. Haarwuchs geht langsam zurück. Mutter kann jetzt sorglos mit mir unter die Menschen. Auf dem Ostfriedhof im Kinderwagen spazieren gefahren worden. Am Nockherberg laufen gelernt. Viele dort gesehen, die wohl erst im Erwachsenenalter laufen lernen. Biernoagerl probiert. Aversion gegen Bier entwickelt. Erste tätliche Angriffe auf Mitmenschen in der St. Bonifaziustraße durch Werfen von Holzspielzeug vom Balkon. Mit dem Onkel lange Spaziergänge vom 60er Stadion zum Trainingslager gemacht. Während des Spiels zu wenig Beachtung bekommen. Aversion gegen Fußball entwickelt.

Zwangsumsiedlung in schwäbisches Exil. Versuch der Wiederherstellung eines Heimatgefühls auf dem Friedhof. Beim Blumenpflücken erwischt worden. Aversion gegen Friedhofsblumen entwickelt.
Erste sportliche Begabungen entdeckt. Skifahren auf dem Acker hinter dem Haus. Aversion gegen Stöcke entwickelt. Kommen selten zum Einsatz. Muttersprachliche Übungen fortan nur noch in eigenen vier Wänden und per Telefon. Lang und gerne telefoniert. Zweitsprachenstudium in schwäbisch. Merkwürdige Sprache. Alles sehr klein. Häusle, Schätzle, Öchsle. Nur weniges größer: Bachl, Seckl, Sparkasse. Einschulung. Briefing der Verwandtschaft, mich bei zufälligem Zusammentreffen auf der Straße nicht anzusprechen, da sonst Integration beim Teufel. Mutter schneiderisch begabt, fertigt jedes Jahr ein Dirndl für mich an. Kann sie nicht davon überzeugen, dass mich das gute Stück im Schrank mehr erfreut als an meinem Körper. Aversion gegen Trachtenmode entwickelt.

Beginn diverser körperlicher Betätigungen, wie Reiten, Handball, Volleyball. Dauerverletzung an Händen und Fingern. Sogar beim Fußball Verletzung der Hand. Aversion gegen jegliche Ball- und Mannschaftssportarten entwickelt. In spätpubertärer Phase Aversion gegen hohe Tiere entwickelt. Beginn der tänzerischen Karriere. In der Blüte der Pubertät auch gleich wieder beendet. Körperbau ähnelt eher dem einer Seekuh, als einer Elfe. Lieber schwimmen gegangen. Beginn erster musikalischer Übungen. Blockflöte, Querflöte und Gesang von Werbejingles. Mutter davon überzeugt, dass Üben nicht nötig sei, da Üben nur für Unbegabte. Geschäftssinn entwickelt. Nachbar beim Klavierspiel umgeblättert. Jeweils 5 Mark kassiert. Nachbar überzeugt Mutter, dass mein Interesse am Klavier gefördert werden müsse. Aversion gegen Pianisten entwickelt.

Weiterführende Schule besucht. Bildung wenig erweitert.
Nur das gelesen, was mich interessiert. Lehrer nicht allzu überzeugend empfunden. Tricks zur Aushebelung von Regeln und zur allgemeinen Erheiterung entwickelt. Lehrer nicht damit überzeugt. Aversion gegen Hierarchien entwickelt.

Studium der Musik in Stuttgart. Professor nicht davon überzeugt, dass Begabung vor Üben geschützt werden müsse. Bücher gelesen, Klavier gespielt, Kommilitonen belehrt. Wenig Aufmerksamkeit dem Hauptfach gewidmet. Lieber neue Sprachen an der Uni gelernt. Von Kommilitonen überholt worden. Aversion gegen Wettbewerb und Studenten der Musik entwickelt.
Diplom abgelegt. Während des Diplomkonzertes auf der Bühne geflucht. Lacher im Publikum. Professoren entsetzt. Zugang zum Aufbaustudium dennoch bekommen, da Professoren überzeugt, dass für eine Bühnenpräsenz Aussehen wichtiger als Können. Affäre mit dem falschen Professor begonnen. Bei der Aufnahmeprüfung in Köln abgelehnt. Aversion gegen Köln entwickelt. Arbeit an bläserischer Technik ohne Instrument begonnen. Aufnahmeprüfung zur Meisterklasse in Stuttgart bestanden. Hauptaufgabe während des Unterrichts: deutsche Übersetzung französischer Zoten. Aversion gegen Franzosen entwickelt. Mit Instrument ziellos in Deutschland und Europa umhergeirrt. Einreise in den Freistaat verweigert.
Nach Stuttgart zurückgekehrt. Mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten. In die Luft gegangen. In einen Münchner verliebt.
Lebenspartnerzusammenführungsprogramm unterschrieben. Dadurch Greencard für Bayern erworben.
Hiltenspergerstrasse bewohnt.
Entliebt.
Am Friedensengel geweint.
In der Schleissheimer Straße gefroren.
Fahrrad verloren.
In der Reizbar getrunken.
Im Starnberger See Frieden gefunden.
Aversion gegen Männer aus fremden Städten entwickelt.
Durch Schwabing West gezogen.
Vor dem Haus vom Monaco Franze Fahrrad abgestellt.
Auto an der U-Bahn-Haltestelle Freimann abgestellt.
Klavier in der neuen Wohnung abgestellt.
Zeitung abbestellt.
Grabstätte am Ostfriedhof vorbestellt.
Pfiad eich!
17.3.06 17:49


Heartattack and vine

[Tom Waits]

Auf gestern war ich gespannt wie ein Flitzebogen, weil ich bis dato keinen der Vortragenden persönlich kannte. Das Vortreffen für morgen war dann sehr vielversprechend - soviel kann schon vorab verraten werden - denn die Anwesenden sind durch die Bank unglaublich humorvolle und unterhaltende Menschen. Und wie das halt so ist mit der Nervosität, sucht die sich meistens ein Ventil. Also habe ich unheimlich viel geraucht und ein wenig zu viel getrunken. Überhaupt geht viel rauchen nur mit viel trinken, weil man sonst einen ganz fiesen Geschmack im Mund bekommt. Den kriegt man dann mit Wasser alleine nicht weg und es muss schon ein wenig Alkohol beigemengt sein, der neutralisiert. Aber Alkohol kann ich nicht trinken ohne zu rauchen, weil der so ohne Zigarette nicht schmeckt. Eine sehr vertrackte Situation, die ich bereits mit Anfang Zwanzig meiner Mutter erfolglos zu erklären versuchte. Jetzt könnte ein Schlaumeier behaupten, man könne ja sowohl auf Zigaretten als auch Alkohol verzichten. Geht gar nicht, denn dann hätte ich ja keine Laster mehr und ohne Laster ist man spießig. Ich will damit nicht ausdrücken, dass alle Leute, die weder rauchen noch trinken Spießer sind. Nein, die haben bestimmt so Laster, die man nicht sieht. Vielleicht tragen sie Frauenunterwäsche. Sonderbar ist das aber auch nur, wenn sie dem männlichen Geschlecht angehören und keinerlei Tendenzen zur Transsexualität aufweisen. Andernfalls wäre das auch wieder spießig.

Manche Laster kann man auch sehen, z.B. gutes Essen. Wer gerne gut und viel isst, bezeichnet die kleine oder auch größere Wölbung über dem Gürtel meist zärtlich als einen teuren Bauch. Schön zu beobachten ist auch die Wanderung des Gürtels über den Rumpf. Erst rutscht er – vom Bäuchlein sacht verdrängt - langsam Richtung Hüftknochen, um sehr viel später seinen Platz knapp unter den Brustwarzen einzunehmen. Damit wären wir auch schon beim nächsten Laster: Geld. Ich habe wenig davon, weswegen sich mein Gürtel noch nach unten bewegt. Irgendwann habe ich dann so viel gespart, dass ich mir neue Kleidergrößen leisten kann und dann kann ich mir den Gürtel sparen, denn dann wird die Hose vom BH gehalten. Das ist sehr praktisch. Allerdings kriege ich keinen Bauch vom vielen Essen. Der kommt mehr davon, dass das Essen irgendwie von der Verkehrszentrale in meinem Körper an die falschen Stellen umgeleitet wird. Das ist wie auf den Straßen. Man hört Verkehrsfunk und da kommt keine Meldung von der Strecke, die man sich zu fahren vorgenommen hat. Also fährt man völlig unbekümmert vor sich hin und findet sich plötzlich in einem Riesenstau wieder. Dann hört man im Radio, wie lange der Stau ist, seine Ursache und stellt fest, dass der schon mindestens eine Stunde vor der eigenen Ankunft begonnen haben muss. Man wählt eine Umleitung, die laut Verkehrsfunk empfohlen wird, doch ist man nicht der Einzige, der hinterlistig dort hingeleitet wurde. So steht man wieder im Stau. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo man nichts mehr zur Verbesserung seiner Situation tun kann. Also zückt man das Handy, erklärt Arbeitgeber oder wartender Freundin, dass man vermutlich sehr viel später kommt und entspannt sich. Genau so ist das mit dem Essen in meinem Körper. Das entspannt sich gerade um meine Taille und die Hüfte. Wann es sich von dort wegbewegen wird, ist noch unklar. Ich warte nicht mehr darauf, sondern lenke mich so lange einfach mit einer Zigarette und einem guten Glas Wein ab.
15.3.06 12:06


Fifteen feet of pure white snow

[Nick Cave]

Superwetter war das heute. Schnee in rauen Mengen. Kurz nach Öffnen der Fenster holte ich mir einen Stuhl, um einem seltsamen Schauspiel beizuwohnen. An meiner Straße parken die Autos nicht hinter- sondern nebeneinander. Gegen 8.00 begann der erste Autobesitzer, seinen Wagen von den Schneemassen zu befreien. Er schaufelte den Schnee jedoch nicht auf die Straße, sondern vor die Autos neben seinem und fuhr anschließend weg. Der nächste Fahrer ließ nicht lange auf sich warten. Doch der hatte nun nicht nur seinen Haufen, sondern auch den des Nachbarn zu entsorgen. Nach etwa zwei Stunden wurde mir langweilig. Da ich nicht unbedingt der geborene Zuschauer bin, wollte ich teilnehmen. Also suchte ich die Herausforderung und zunächst mein eigenes Auto. Gefunden habe ich es relativ schnell. Was ich jedoch nicht hatte, war eine Schneeschaufel. Ein BMW, der vor meiner Kiste abgestellt war, versuchte gerade erfolglos, aus der Lücke zu kommen. Ich bot meine Körperkraft im Tausch gegen seine Schneeschaufel an. Leider war den durchdrehenden Reifen damit nicht beizukommen. Ein weiterer Autobefreier eilte hinzu, schob, schaufelte, entwickelte Theorien und packte mit an. Für städtische Verhältnisse wurde das richtig kommunikativ. Als der Wagen etwa zur Hälfte auf die Straße ragte, sich anschließend jedoch keinen Millimeter mehr bewegen ließ und deswegen kein Durchkommen mehr war, stießen weitere Autofahrer hinzu. Während die Männer beratschlagten, schoben und scheiterten, lieh ich mir heimlich eine der freien Schaufeln, um mein eigenes Auto zu befreien. Irgendwann nach einer halben Stunde war es abgeräumt, der BMW fuhr und weitere Autos wurden aus den Parklücken geschoben. Und dann wäre ich an der Reihe gewesen. Doch da waren sie plötzlich verschwunden, die sauberen Herren. Froh, nicht mehr ihren fahrbaren Schwanzersatz entbehren zu müssen, haben sie Gas gegeben und mich durchnässt zurückgelassen. Es gibt keine Liebe mehr unter den Menschen. Wo vorher noch die Ausweglosigkeit der Schneeberge vereinte, trennte nun das dünne Blech einer Autotüre.
Geholfen habe ich mir letztlich selbst, denn was die einen mit Muskelkraft bewerkstelligen, machen die anderen mit Grips und Können. Der anschließende Spaziergang war ebenfalls sehr unterhaltsam. Überall Menschen auf den Straßen, die Autos gemeinsam freischaufeln, anschieben und glücklich sind. Wer heute ein Auto sein eigen nannte, war schnell umzingelt von Spaziergängern, die dem Schaufler mit Rat und Tat zur Seite standen. Noch nie haben sich so viele Fremde auf der Straße wissend angelächelt und freundliche Worte getauscht. Ich hoffe, es schneit bald wieder.
5.3.06 21:29


Calling you

[Baghdad Caf?. Soundtrack]

Zwanzig nach acht. Das Telefon klingelt. Ich hebe ab.
Hallo, hier ist ihre T-Net-Box. Sie haben acht gespeicherte Nachrichten.

Ich wusste nicht, dass ich so ein Teil bei meinem Analoganschluss ?berhaupt habe, bis mir eine ?hnliche Stimme dies vor etwa vier Wochen morgens um halb neun freundlich mitteilte und mich bat, meine Geheimziffer einzugeben. Als ich wortlos auflegte, klingelte es erneut und die freundliche Stimme insistierte geradezu auf eine Geheimzahl. Nach dem vierten Klingeln habe ich den Stecker gezogen. Ein Anruf im Servicecenter best?tigte meine Vermutung, dass ich diese Einrichtung nicht willentlich und auch nicht im Suff bestellt hatte. Man versicherte mir, die Box w?rde abgestellt.

Bitte geben sie ihre Geheimzahl ein.

Ich probier?s mal mit meiner Kreditkartennummer. Daraufhin werde ich mit einer s?uselnden Mitarbeiterin im Servicecenter verbunden, jedoch nicht ohne mich vorher in den Genuss der kompletten musikalisch aufgewerteten Warteschleife gebracht zu haben.

Guten Abend, mein Name ist Sowieso, was kann ich f?r sie tun?

Bei dieser Fragestellung werde ich misstrauisch. Wieso will da jemand was f?r mich tun? Vor zwei Wochen hat mir eine ebenso s?uselnde Stimme dieselbe Frage gestellt und passiert ist nix. Ich glaube, das ist ein ganz mieser Trick. Die wollen doch nur wissen, wer hinter all den Nummern steckt. Die S?uslerin macht in ihrer Freizeit in Telefonsex mit St?hnen und so und jetzt sucht sie nur nach zahlungskr?ftiger Kundschaft. Ich gebe zu, meine Rechnung ist ohne DSL und Flatrate ziemlich hoch. Das ist der Preis der Faulheit. Aber ich will nicht, dass sich mir jemand anbietet, ja derma?en anbiedert. Wenn ich was brauche, dann sage ich das schon.

Entschuldigung, sie haben MICH angerufen. Was wollen sie von mir?
Ich verstehe nicht? Sie m?chten ihre T-Net-Box erreichen?

Das einzige, was ich seit drei Wochen erreichen m?chte, ist, dass einer so gn?dig ist und das bl?de Ding abstellt. Wenn ich einen Anrufbeantworter haben m?chte, kauf ich mir einen. Kommt mir fast vor wie bei diesen Kaffeefahrten, bei denen man mindestens eine Rheumadecke und zwei K?chenmaschinen erwerben muss, um sich den Platz f?r die R?ckfahrt zu sichern.

Ich m?chte, dass endlich mal jemand diese verfickte T-Dingsbox abstellt! Das ist es, was ich m?chte. W?rden sie mich jetzt noch fragen, warum ich das m?chte, dann sage ich ihnen, dass es ein Ding der Unm?glichkeit zu sein scheint und ich habe eine Vorliebe daf?r, Unm?gliches m?glich zu machen.
Bitte wenden sie sich hierzu an die Beschwerdestelle unter der Nummer 0800XXXXXXX

Die Nummer muss ich mir nicht einmal aufschreiben, die kann ich schon auswendig.
Ich will mich aber just in diesem Moment aufregen, denn das ist gut f?r Kreislauf und Haut.

Entschuldigen sie, momentan sind SIE f?r mich die Telekom und ich m?chte ihnen sagen, dass ich nicht bereit bin, Zeit und Geduld f?r etwas zu investieren, das ich nie haben wollte.
Dann muss ich ihnen leider sagen, dass ich hier nicht der richtige Ansprechpartner bin. Die T-Net-Box ist standardm??ig bei fast allen Anschl?ssen...
Was heisst fast?

Jetzt hab ich sie. Jetzt kommt sie mir nicht mehr aus. Jetzt mach ich sie fertig.

...dabei ist. ?h... ja es gibt einen ISDN und einen Analoganschluss, bei dem das nicht serienm??ig dabei ist. Aber ich kann das hier nicht sehen, was sie f?r einen...

Aha, da haben wir?s: Inkompetenz. Manche Menschen gehen in der Wahl ihres Berufes einfach zu weit. Vielleicht h?tte sie doch bei der Sexnummer bleiben sollen. Andererseits gibt es auch Firmen, die ihre Mitarbeiter gerne dumm halten. Der CIA ist so eine Firma. Ich glaube allerdings nicht an eine Verquickung zwischen CIA und Deutscher Telekom.

Stellen sie das Ding ab, ich will es nicht, ich brauche es nicht, ich hasse es, weil es mich morgens um halb neun aus meinem wohlverdienten Schlaf reisst. Wissen sie, wie schwer man es als Schichtarbeiter hat? Nein? Dann will ich ihnen das mal erz?hlen...

Ich glaube nicht, dass die Dame das interessiert. Es ist nur eine weitere Taktik, sie m?rbe zu machen und sie aus reiner Verzweiflung zu veranlassen, meinem Wunsch nachzukommen.

Ich kann ihnen anbieten, dass ich jetzt ihre T-Net-Box inaktiv stelle. Abgeschaltet wir sie dann sp?testens morgen Abend sein.

Na also, geht doch. Zur Sicherheit schiebe ich gleich noch einen hinterher.

Wissen sie, ich musste in meinem Leben genug leiden. Ich bin unheilbar krank, neben meinem Beruf am Band muss ich meine kranken Eltern pflegen ? beide bettl?gerig ? und die vier unehelichen Kinder wollen halt auch noch ein wenig von ihrer Mutter haben. Seit ich die Teilinvalidit?t genehmigt bekommen habe, geht wenigstens nicht mehr so viel Zeit f?r Parkplatzsuche drauf. Aber beim Arzt muss ich immer noch stundenlang wegen des Methadonrezeptes...

Eine automatische Ansage macht mich darauf aufmerksam, dass ich noch f?r eine abschlie?ende Mitarbeiterbewertung am Apparat bleiben soll.
Das mach ich doch gerne. Schlie?lich hat man?s als Servicepersonal in Deutschland auch nicht leicht.
10.2.06 21:05


Don´t eat the yellow snow

[Frank Zappa]

Draußen schneit´s, als hätten wir die Olympischen Winterspiele zu bestreiten. Generell habe ich nichts gegen Schnee, denn der hat durchaus seine Vorteile. In der Stadt sind Verkehrsgeräusche gedämpfter. Auf dem Land wird man jedoch unsanft vom kratzenden Geräusch des schneeschaufelnden Nachbars aus dem Schlaf geholt.
In Ländern, in denen es sehr viel und sehr lange schneit gibt es – und das wissen wir spätestens seit das verehrte Fräulein Smilla darüber berichtete - einen Haufen unterschiedlichen Schnee, zumindest die Bezeichnungen sind vielfältig. Ich behaupte, in der Stadt gibt es nur drei Sorten: weißen, gelben und braunen. Der weiße liegt nur an Orten, die für Menschen nicht so leicht zugänglich sind, z.B. auf Dächern, Bäumen und abgesperrten Denkmälern. Der gelbe findet sich vorwiegend in Grünanlagen, an Häuserecken und vor Kindergärten. Braun wird der Schnee überall dort, wo Autos die Pracht unter ihren Reifenprofilen zermantschen und Leute drüberstiefeln.
Da sieht man mal wieder, wie es um die Hygiene in Großstädten bestellt ist. Hätten alle Leute saubere Schuhe, wäre der Schnee auch nicht so dreckig. Kann aber auch sein, dass die bösen Pendler den Dreck von außerhalb einschleppen. Die kommen mit ihrem Auto vom heimatlichen Acker und meinen, die Stadt wäre eine einzige große Waschanlage. Und dann beschweren sie sich noch, dass es dort so schmutzig ist. Ich bin dafür, dass nach einer durchschneiten Nacht ein Ausgehverbot verhängt wird. Dann könnten alle in ihren Häusern sitzen und den unberührten weißen Schnee vom Fenster aus bewundern.

Es gibt ja auch Orte, an denen es niemals schneit. Das ist für die dortige Bevölkerung sehr schade. Wenn man zum Beispiel ein Patenkind aus dem Kongo hat, für das man monatlich die horrende Summe von 5 Euro von seinem sauer verdienten Geld abzweigt, kann es einem passieren, dass man einen fein leserlich in englisch verfassten Brief bekommt, in dem das Patenkind fragt, wie es sich Schnee vorzustellen hätte. Dann sitzt man relativ ratlos da, denn - vorausgesetzt, man nimmt die Pflichten einer Patenschaft ernst - hat man schließlich einen Erziehungsauftrag. Da im Kongo vermutlich nicht einmal Zuckerwatte bekannt sein dürfte, kann man sich kaum mit hinkenden Vergleichen aus der Affäre ziehen. Also beginnt man ein wenig rumzustottern, erzählt was von Kälte, die dem Kongokind so bekannt sein dürfte, wie dem Blinden Farben, und endet schließlich hilflos in einer halbherzigen Einladung, da man einen Überraschungsbesuch aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel nahezu ausschließen kann.

In Wirklichkeit ist der Brief natürlich von einer Spendeneintreiberangestellten verfasst und die machen das absichtlich. Überhaupt kommt das Kind wahrscheinlich erst auf diese Frage, weil es angefixt wurde. Da reisen Spendeneintreiber durch ganz Afrika und fragen die Kinder wisst ihr denn, was Schnee ist? Und die Kinder sitzen mit großen Augen und offenen Mündern vor ihnen und antworten nein. Dann sagen die Spendeneintreiber, dass sie ja mal jemanden danach fragen können, beispielsweise die Leute aus Europa, die nur so dick sind, damit sie nicht frieren. Die Kinder gehen heim und denken nach, denn die wollen ja jetzt wissen, was Schnee ist. Dann weinen sie sich in den Schlaf, weil sie keinen von den Dicken fragen können. Die treffen sie ja nicht einfach so. Schreiben können sie auch nicht und wenn, dann nur in einer Sprache, die keiner von den dicken Touris versteht.
Schließlich kommt eine Spendeneintreiberbeauftragte und sagt, dass es nichts ausmache, dass sie nicht schreiben können. Sie bietet an, einen Brief zu verfassen und die mögliche Antwort zu übersetzen. Dies alles tut sie, wenn die Kinder schöne Bilder mit den mitgebrachten Buntstiften malen und sich fotografieren lassen. Die Kinder mögen aber keine Fotoapparate, denn die Uroma hat Geschichten von bösen Geistern erzählt, die in den komischen Fotokästen sitzen. Wenn schließlich die Neugier stärker als die Angst wird, posieren sie spärlich bekleidet mit jämmerlichem Gesichtsausdruck, malen die Bilder und strecken sie der Spendenbeauftragten mit zitternden Händen entgegen. Dann strahlt die Spendenbeauftragte, tätschelt sie ein wenig am Kopf und freut sich innerlich tierisch auf die Mittagspause, in der sie sich mit ihren Kolleginnen über die aus Europa eingetroffenen Antworten lustig machen kann.
Die Welt ist sehr schlecht, nicht nur im Winter.
10.2.06 10:56


I've got a lump in my throat about the note you wrote

[Contact, The police]

Ein Audiokommentar der besonderen Art zu diesem Beitrag.
Herzlichen Dank an Herrn Banana. Enjoy the ride.
6.2.06 22:53


Weirder than weird*

*Hillary Duff



You Are 60% Weird



You're so weird, you think you're *totally* normal. Right?

But you wig out even the biggest of circus freaks!



Na toll, passt ja vorz?glich zum letzthin eingegebenen "?ber..." Text. Erst mal hab ich das Wort "weird" nachgeschlagen. Mit meinem Rudiment?renglisch ist das n?mlich so: ich kenne ein Wort, zumindest kann ich es aus dem Zusammenhang heraus verstehen. Doch richtig ?bersetzen kann ich es nicht. Ist halt wie mit vielen anderen Dingen auch. Man meint, was zu wissen und ist dennoch ahnungslos. Das nennt sich dann Halbwissen oder Altklugheit. Obwohl manche Menschen von anderen behaupten, sie h?tten ein gesundes Halbwissen, komme ich bei Nachhaken drauf, dass es sich eher um ein Viertelwissen oder gar ein Sechzehntelwissen handelt. Naja, man will ja h?flich sein und deswegen gibt es diese Begriffe nicht. Immerhin ist es ein gutes Gef?hl, ab und zu jemanden zu treffen, der weniger wei? als man selbst. Das l?sst einen gleich um einige Zentimeter gr??er werden. Der Oberlehrer steckt in jedem von uns, sagt Freud. Genau zitieren kann ich allerdings nicht, denn das f?llt unter die Rubrik Halbwissen. Manchmal frage ich mich echt, wo all mein Gelerntes hingekommen ist. Irgendwie auch kein Wunder, denn was brauche ich schon?
Chicken or fish?
Red or white wine?
Und dann gibt?s noch ein Wort, das ich unheimlich mag: weirdo.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen weir-do.
Hat aber glaub ich nix mit dem hip angeh?ngten doo zu tun, von dem ich auch nicht so genau wei?, was es bedeutet. Muss was mit dem n?rdlichen Teil Deutschlands - genauer mit der Hauptstadt - zu tun haben. Die sprechen da alle sehr merkw?rdig. Kein Wunder, dass die manchmal auch so merkw?rdige Dinge schreiben.
Der weirdo ist auch kein bereits ausgestorbener australischer Vogel und kein neues Computerspiel von Nintendo. Eigentlich klingt das Wort sehr freundlich. Wenn mich also mal einer weirdo nennt, w?rde ich mich vermutlich artig bedanken.
Vielleicht liegt?s aber einfach nur am w. Ich mag auch "whimsical" und "woucester", wobei letzteres kaum einer richtig aussprechen kann, ohne ein leichtes Nuscheln zu simulieren. H?tte ich eine Ger?uschkarte, dann w?rde ich jetzt mal schnell bei LEO nachh?ren. So aber muss ich selbst ein wenig nuscheln, damit mein Viertelwissen nicht auff?llt.
Morgen fliege ich nach l?ngerer Pause zur Abwechslung mal wieder - zum Gl?ck nicht nach Woucester. Mal sehen, ob ich wenigstens das noch kann.
2.2.06 10:25


I'm your bogey man...

...I've got the power to survive. [X-Wild]

Der Wutzel an sich ist ein Lebewesen der niederen Ordnung. Man kann ihn in seinem nat?rlichen Auftreten vorwiegend im Zehenzwischenbereich, auf Pulloverseitenteilen, seltener auch in den feuchten Niederungen des Bauchnabels beobachten. Eigentlich geh?rt der Zehenwutzel auch nicht in dieselbe Gruppe wie der gemeine Pulloverwutzel. W?hrend letzterer sich dem Leben in Trockengebieten angepasst hat, bevorzugt der Zehenwutzel eher Feuchtgebiete. Nichtsdestotrotz haben beide ?hnlichkeiten in biologischem Sinne. Noch v?llig unerforscht ist die Fortpflanzung des gemeinen Wutzel. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass er sich durch Zellteilung vermehrt. An sich ist der Wutzel sehr klein und f?r das blo?e Auge unsichtbar. Hat er nach Abschluss der Entwicklung unter idealen Bedingungen seine Nahrungsaufnahme abgeschlossen, kann sein K?rperumfang um mehr als das Doppelte zunehmen. Seine Nahrungsaufnahme geschieht osmotisch, wobei er sich vorwiegend von Sockenfuseln und Staubk?rnern ern?hrt. Damit erweist er dem Menschen einen hilfreichen Dienst. Doch statt dankbar zu sein, mutiert nun der Profitierende zum nat?rlichen Feind des Wutzels. Er entfernt ihn aus seiner nat?rlichen Umgebung und der Wutzel ist fortan ohne einen neuen Wirt nicht mehr lebensf?hig.

Es existieren bereits Bestrebungen, dem Wutzel ideale Bedingungen in Form von Biotopen zu schaffen. Hierzu haben sich Freiwillige aus der Gruppe der Antihygienikerbewegung gefunden, die bereit sind, einen Wutzel zu selbst zu z?chten oder zu adoptieren und ihn so vor der Ausrottung zu bewahren. Mein Aufruf richtet sich an alle Menschen: Helfen Sie dabei, den Wutzel zu bewahren. Gehen Sie sorgsam mit ihrer Umwelt um. Vermeiden Sie allzu h?ufiges Waschen von Socken und F??en. Popeln Sie nicht geistesabwesend zwischen den Zehen. Sie k?nnten damit einen Wutzel auf ihrem Gewissen haben. Wechseln Sie Socken nur jedes halbe Jahr und zeigen Sie ein Herz f?r Wutzel. Wer keine eigenen Wutzel produzieren m?chte, f?r den h?lt die Bewegung Pflegewutzel bereit. Auch Geldspenden sind gerne genommen. Helfen Sie uns, die Welt der Wutzel zu bewahren. Eines Tages k?nnten auch Sie betroffen sein.
1.2.06 12:22


Let me be your underwear

Club 69

[Überarbeitet am 19.3.]
In meinem nächsten Leben werde ich als Unterhose wiedergeboren. Ganz sicher bin ich mir nicht, weil ich schon lange keinen Auszug von meinem Schuldenkonto mehr zu Gesicht bekommen. Dann könnten mich all die Leute benutzen und bescheißen, die sich in diesem Leben von mir ungerecht behandelt fühlen. Im Gegenzug würde ich ihren Hintern umschmeicheln, ihre letzten, nicht abgeschüttelten Tröpfchen aufsaugen, ihre verletzlichsten Körperstellen wärmen und ihnen ein Zuhause bieten. Das wäre schon ziemlich selbstlos von mir. Immerhin steckt man ja nicht drin und das, was drinsteckt, mag auch nicht immer meinem ästhetischen Anspruch genügen. Da gibt es Körperteile, die bei manchen noch nie Sonnenlicht gesehen haben. Im dunklen Bade- oder Schlafzimmer kommen sie dann zum Vorschein und werden nach kurzem Funktionstest sofort wieder versteckt. Manchmal sind sie hinterher allerdings nicht mehr ganz so frisch wie vorher.

Ich hätte natürlich unregelmäßige Arbeitszeiten. Je nach Besitzer wäre ich schon mal zwei Wochen am Stück im Einsatz, dafür hätte ich allerdings den Rest des Monats frei. Bei einer Frau hätte ich es sicher besser, denn da müsste ich nur einen Tag arbeiten und bekäme unter Umständen sogar Schutzkleidung. Dafür müsste ich mich wohl jede Woche beim Schleudergang übergeben. Da ich aber direkt danach ins Nirvana will, müsste mein Besitzer schon ein Mann sein.

Und wenn ich dann völlig altersschwach und löchrig wäre, müsste ich meine Rente auch nicht mit Schuhe wichsen verbringen, sondern käme gleich zur Hinrichtung in den Reißwolf. Wenn’s gut läuft, hätte ich allerdings vorher noch eine kostenlose Weltreise vor mir. Dann könnte ich mir mal Pakistan oder Afrika anschauen. Oder aber ich käme in ein Obdachlosenasyl. Das wäre dann zwar für mein Karma phantastisch, denn vielleicht erreichte ich dadurch die Erleuchtung aber wer will schon eine erleuchtete Unterhose?

Was ich mir allerdings noch nicht überlegt habe, ist, was ich für eine Unterhose sein möchte. Ich meine, da gibt es ja erhebliche Unterschiede. Eine lange, eine normale, groß oder klein, Boxershorts oder gar ein Tanga? Frottée, Baumwolle oder Latex? Hätte ich einen Eingriff oder keinen? Käme ich als Weiße oder Farbige auf die Welt? Das sind die wirklich wichtigen Fragen, über die es nachzudenken lohnt. Man geht ja immer von seinem doch sehr beschränkten Erfahrungshorizont aus. Wer kann sich schon vorstellen, komplett anders wiedergeboren zu werden, als er jetzt ist? Höchstens überlegt man sich noch, wie es wäre, als Angehöriger des jeweils anderen Geschlechts zu leben, aber da hört dann die Vorstellungskraft auch schon auf.

Nehmen wir mal an, ich wäre eine lange Unterhose. Höchst wahrscheinlich würde ich nur in der kälteren Jahreszeit zum Einsatz kommen und den ganzen Sommer in einer dunklen Ecke des Schrankes verbringen. Vielleicht wäre da noch die ein oder andere verirrte Motte, die mir unliebsam Gesellschaft leisten und Löcher in mich hineinfressen würde. Das würde höchstens zur Wiedergeburt als Pyjama reichen. Dann schon lieber Schiesser Feinripp mit Eingriff. Als Boxershort könnte ich den ganzen Tag rumhängen und wäre lustig bunt bedruckt, als Tanga wäre mein Träger wenigstens kein Schwabe. Schwaben tragen keine Tangas, weil die sich aufgrund des geringen Stoffanteils nach ihrem Ableben nicht als Putzlappen verwerten lassen.

Kein lustiges Leben hätte ich als Unterhose eines Italieners. Den ganzen Tag müsste ich dem Griff an die Eier standhalten. Das geht an die Substanz. Durch die Reibung wird auf Dauer der Stoff an dieser Stelle dünner und ich würde vor meiner Zeit entsorgt. Und obwohl der Träger fest daran glaubt, es wende Unglück ab, macht es ihn im Grunde nicht nur an Würde arm und mich zum Pflegefall. Trüge mich vorwiegend ein Engländer, bliebe mir der Gang in die Sauna nicht erspart, denn der Engländer entblößt sich ungern vor Fremden. Das wird nur noch überboten von den Unterhosen junger Japanerinnen. Meist nur einmal getragen würde ich luftdicht verschweißt und auf Reisen geschickt oder läge in einem Automaten. Es empfinge mich ein einsamer Herr, der mir fortan stündlich seine Nasenhaare zwischen die Rippen drückte. Gibt es eigentlich für ausgeduftete Höschen eine Art Recyclingverfahren? Werden sie zurückgesendet und erneut getragen? Das nenne ich eine Marktlücke.

Sie sehen, all diese Kleinigkeiten wollen gut überlegt sein, bevor man dieses Leben hinter sich bringt und wieder in den ewigen Kreislauf von Tod und Geburt eingeht. Ich weiß schon, was Sie die ganze Zeit denken. Sie meinen, das wäre gemessen an so manch schlüpfrigen Details - auf die ich hier nicht näher eingehen möchte - gar nicht so übel, als Unterhose wiedergeboren zu werden. Pfui, schämen Sie sich! Tun Sie Buße und hoffen Sie auf die Gnade der Götter, denn sonst steht Ihnen in Ihrem nächsten Leben so manch schwere Stunde bevor.
Hoffen wir mal, dass das mit dem Nirvana bei mir demnächst klappt, weil so langsam hab ich hier die Schnauze voll.


[Ein eigenartiges Dasein führt die Unterhose von Herrn Mek. Der trägt sie nämlich sehr extravagant. Immerhin ist sie hier beerleuchtet]
26.1.06 19:15


Hairdresser

Er hie? Stefan und war einer der wenigen, die nicht nach dem neuesten Trend gekleidet und frisiert um seine Kunden mit abgespreiztem kleinen Finger wild mit Haarspray oder Kamm umherfuchtelnd rumtucken. Stefan war schlichtweg normal. Meist trug er Jeans und T-Shirt, sprach leise und hatte einen sehr skurrilen Humor. Er hasste Smalltalk, verteilte verbale Seitenhiebe und steckte meine gut weg. Wir lachten viel miteinander, obwohl ich nicht zur Sorte Kunden geh?re, die ihrem Friseur sofort ein Gespr?ch aufs Auge dr?cken. Zun?chst war ich skeptisch. Seit Jahren und nach unz?hligen Fehlversuchen von diversen Vertretern seiner Gilde auf meinem Kopf hatte ich keine fremden Personen mehr an meine Haare gelassen. Ich trug das Haar lang. Zum Schneiden hielt ich sie in einer Hand und f?hrte sie unter dem Arm nach vorne. Eines Tages war ich die langen Haare leid. Doch f?r einen ordentlichen Schnitt brauchte ich einen guten Friseur. Eine Freundin empfahl mir den Salon ganz in der N?he meines Wohnsitzes. Er sei nicht teuer und sehr gut. Am darauffolgenden Tag machte ich einen Termin, zu dem ich meine Haare zu einem Zopf geflochten hatte. Stefan nahm den Zopf in die Hand und fragte, ob er jetzt wirklich ganz oben abschneiden sollte. Ich bejahte seine Frage. Er versicherte sich ein zweites Mal und auch diesmal war meine Antwort positiv. ?Also dann schneide ich jetzt ab, okay?? auch diesmal lie? ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen und die scharfen Kanten seiner Schere durchtrennten mein Haar. Danach hielt er den Zopf wie eine Troph?e hoch und alle Angestellten und Kunden im Laden wandten sich ihm kopfnickend, anerkennend oder applaudierend zu. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Leider lie? mein Portemonnaie h?ufige Besuche dort nicht zu, vielleicht war es aber auch meine neue Haarl?nge. Jedenfalls z?hmte er mein Haupthaar fortan etwa alle 8 Wochen. Zugegebenerma?en kann ein Friseursalon nicht unbedingt von mir existieren, gl?cklicherweise gab es jedoch noch andere Kunden. Meist hatte ich keine konkrete Vorstellung auf die Frage vorzubringen, was ich diesmal gerne h?tte und so war Stefan allein f?r mein Erscheinungsbild verantwortlich. Jedes Mal fiel das Ergebnis zu meiner Zufriedenheit aus. Unsere Konversation erstreckte sich ?ber Politik, Religion, Philosophie bis zur Quantenphysik und Literatur. Friseurgespr?che als weibliche Variante des Stammtisches. Einzig die ganz normalen Alltagssorgen lie?en wir links liegen. So manches Mal zogen wir die Aufmerksamkeit aller Anwesenden durch schallendes Gel?chter auf uns und unterhielten den gesamten Laden. St?rend war nur der laufende Radiosender im Hintergrund, den wir bereits durch unsere Konversation ersetzten.

Die 8 Wochen waren abgelaufen, meine Haare aus der Form und so wollte ich einen Termin vereinbaren. Doch am Telefon sagte man mir heute, dass Stefan nicht mehr da sei. Ich nehme an, er ist gefeuert worden, denn auf meine Frage, wo er jetzt sei, antwortete die Dame, sie wisse nicht mal, ob er schon wieder was hat. Nachdem ich den H?rer wieder aufgelegt hatte, merkte ich, wie sehr mir mein Friseur ans Herz gewachsen war. Es widerstrebt mir, einen neuen Friseur zu suchen. Den Richtigen zu finden ist eine schwere Aufgabe.
Das ist schlie?lich Vertrauenssache, wen ich so nah an mich heranlasse. Die Chemie muss stimmen. Einfach gegangen ist er, ohne mir was zu sagen, dieser Schuft. Dabei haben wir doch einiges miteinander erlebt, sind durch gute und schlechte Zeiten gegangen und haben einander vertraut. Sicher hatte er andere neben mir aber ich konnte dar?ber hinwegsehen, schlie?lich haben wir dar?ber gesprochen. Deswegen h?tte er nicht gehen m?ssen. Nein, ich bin noch nicht bereit f?r einen Neuen. Zu gro? ist Trauer und Schmerz. Ich glaube, ich werde meine Haare wieder wachsen lassen m?ssen.

Nachtrag: nach einem halben Jahr fing ich an, mich an den Neuen zu gew?hnen. Nat?rlich vergleiche ich ihn immer noch ab und zu mit Stefan. Er wei? das auch, denn wir sprechen dar?ber ganz offen aber er verzeiht es mir. Immerhin hat er mir die Zeit gegeben, die ich brauchte, um ?ber meinen schweren Verlust hinwegzukommen. Jetzt kann ich sogar schon zulassen, dass er mir die Haare w?scht. Heute durfte er zum ersten Mal meinen Scheitel ziehen.
20.1.06 12:39


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