Dünne Luft
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Schöner fliegen
Steamed hot towel on my face

Obwohl die Branche schon relativ alt ist, gibt es offenbar immer noch offene Fragen in der modernen Luftfahrt. Auf Wunsch eines einzelnen Lesers hier nun eine dieser Fragen: was macht man mit diesen hei?en T?chern, die auf Langstrecke vor dem Service ausgeteilt werden?
Zun?chst einmal erwartet der Passagier, der sich auf Reisen begibt und zu diesem Zweck ein teures Flugticket erwirbt, etwas zu bekommen. Jeder erhaltene Gegenstand rechtfertigt f?r ihn den Preis, den er bezahlt hat. Nachdem nun im Bereich der verzehrbaren Gegenst?nde in den letzten Jahren erheblich eingespart wurde, scheint es eigenartig, dass die T?cher noch immer angeboten werden. Macht aber wirtschaftlich gesehen wiederum Sinn, denn w?hrend Sektflaschen und Schokoherzen im Einkauf wesentlich teurer sind als billige Papiert?cher, haben letztere auch noch den Vorteil, dass sie leichter zu handhaben sind. Man kann sie herunterwerfen, sie auf die Kleidung legen oder sie dem Nebensitzer unter den Arm schmuggeln, der gerade auf der hei? umk?mpften Armlehne weilt, ohne dass h?ssliche Verunreinigungen zur?ckbleiben, wie dies bei umgekippten Getr?nken der Fall w?re.

W?hrend Flugbegleiter mit Zangen dem Gast eines der T?cher darbieten, hat jener eine der seltenen M?glichkeiten, einem fachkompetenten Mitarbeiter Fragen zu stellen. Da der durchschnittliche Passagier mit seinem Sitznachbarn eher selten ins Gespr?ch kommt ? was wiederum ein weiterer Beweis f?r soziale Inkompetenz in der Bev?lkerung ist ? richtet er doch immer wieder gerne das Wort an die Mitarbeiter. M?glicherweise gibt es sehr viele Menschen, die das Schweigen verlernt haben. M?glicherweise liegt es auch daran, dass manch einer den Wald vor lauter B?umen nicht sieht. Begehrt wird immer das Unerreichbare. Selbst wenn neben ihm Claudia Schiffer s??e, h?tte der durchschnittliche Passagier doch nur Augen f?r den Ausschnitt der Kollegin, die ihm nach vorne gebeugt ein Getr?nk reicht. Nachdem der Passagier nun aus unruhigen Tr?umen erwacht, in denen m?glicherweise auch die Kollegin eine nicht ganz jugendfreie Rolle spielte, und selbige ein hei?es Tuch schwenkend vor sich sieht, f?hlt er sich f?rmlich gezwungen, die Gelegenheit zu nutzen. Da wir alle wissen, wie schwer sich der moderne Mann in der Kontaktaufnahme zum weiblichen Geschlecht tut ? nicht umsonst gibt es wachsenden Zulauf bei Internetpartnerb?rsen ? wird sein erster Satz des Humors entbehren. Was folgt, ist die Frage nach seinem Anschlussflug, f?r den die Kollegin zu diesem Zeitpunkt noch keine Antwort hat. Nach einigen Minuten wird sich unser Beispielpassagier ob seiner durch Humorlosigkeit verspielten Chance ?rgern, doch die Kollegin ist bereits mehrere Reihen entfernt.

Noch nicht gekl?rt ist allerdings die Frage nach der Funktion der T?cher. Dies steht dem einzelnen Gast v?llig frei. Manch einer packt das Ding in sein Handgep?ck, um es zu Hause als Putz-, Sp?l- oder Waschlappen zu benutzen. Fragt man solche G?ste, ob Sie einen Weiterflug gebucht haben, h?rt man h?ufig, ihr Endziel sei Stuttgart oder Aberdeen. Ist man besonders geh?ssig, kann man dann noch beil?ufig hinzuf?gen, dass dort die Zollkontrollen besonders scharf seien und Passagiere, die entwendetes Eigentum der Fluggesellschaft im Handgep?ck mitf?hrten, sofort der Polizei ?bergeben w?rden. Sobald man aus dem Blickfeld der G?ste verschwunden ist, kramen diese eifrig in Taschen und T?ten, um Besteck zum Vorschein zu bringen, das sie anschlie?end in Sitztaschen verschwinden lassen.

Andere G?ste nehmen die T?cher in Empfang und beobachten Umsitzende, da sie sich selbst nicht sicher sind, was sie damit machen sollen. Da die T?cher hei? sind ? manchmal auch nur lauwarm ? und diese Erkenntnis sofort nach Empfang vom zentralen Nervensystem an das Gehirn gesendet wird, beginnt der Gast, das Tuch von einer Hand in die andere zu werfen. Das macht er so lange, bis die Bewegung in eine Art H?ndereiben ?bergeht und schlie?lich die Handfl?chen damit gereinigt werden. So haben wir wieder einen Beweis f?r immerw?hrende Evolution ausgel?st durch ?bersprunghandlungen. W?hrend der Affe lernte, Werkzeuge zur Nahrungsaufarbeitung zu benutzen, lernt der Passagier, dass er seine H?nde mit einem kleinen hei?en T?chlein reinigen kann. Der N?chstsitzende braucht dann nicht einmal den ganzen Lernprozess durch Nervenreizung zu durchlaufen, sondern nutzt die Nachahmung. Manch einer ist sowohl gegen Nachahmung, als auch gegen Lernen immun. Er wird sich eine andere M?glichkeit der Nutzung aussuchen. Falls Sie das Tuch als Hakle-Feucht-Ersatz verwenden, bitten wir Sie allerdings, dieses nicht beim Einsammeln zur?ckzugeben, sondern es selbst?ndig zu entsorgen. Entgegen der irrt?mlichen Meinung mancher Passagiere werden sie nicht gewaschen und wiederverwendet, sondern weggeworfen. Dennoch sammeln wir die T?cher wieder ein, um den Passagier aufgrund beengter Sitzverh?ltnisse von ?bersch?ssigem zu befreien.

Japanische G?ste verleihen ihrer Kreativit?t Ausdruck, indem sie die T?chlein in reizende Origamigebilde verwandeln. Inder schaffen es ob der Gr??e der T?cher erstaunlicherweise, damit den gesamten K?rper von Schwei? zu befreien. Afrikaner bitten um mehrere T?cher, die dann dort auf dem Schwarzmarkt wieder auftauchen. Chinesen haben keine Verwendung daf?r und lehnen das Tuch meist dankend ab. Nordamerikaner be?ugen die T?cher misstrauisch und suchen den Warnaufdruck, w?hrend S?damerikaner damit wild um sich werfen. Russen s?ubern damit ihre Geldscheine, die sie dick gestapelt mit sich f?hren und Skandinavier stecken sie in ihre Handschuhe, um die aufzuw?rmen. Einzig die Deutschen scheinen ein wenig ?berfordert von der Entscheidung, was sie damit machen sollen. Lassen Sie doch mal ihrer Phantasie freien Lauf. Sie werden sehen, es geschehen da erstaunliche Dinge.

12.1.06 21:46
 
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