Dünne Luft
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Schöner fliegen
Hairdresser

Er hie? Stefan und war einer der wenigen, die nicht nach dem neuesten Trend gekleidet und frisiert um seine Kunden mit abgespreiztem kleinen Finger wild mit Haarspray oder Kamm umherfuchtelnd rumtucken. Stefan war schlichtweg normal. Meist trug er Jeans und T-Shirt, sprach leise und hatte einen sehr skurrilen Humor. Er hasste Smalltalk, verteilte verbale Seitenhiebe und steckte meine gut weg. Wir lachten viel miteinander, obwohl ich nicht zur Sorte Kunden geh?re, die ihrem Friseur sofort ein Gespr?ch aufs Auge dr?cken. Zun?chst war ich skeptisch. Seit Jahren und nach unz?hligen Fehlversuchen von diversen Vertretern seiner Gilde auf meinem Kopf hatte ich keine fremden Personen mehr an meine Haare gelassen. Ich trug das Haar lang. Zum Schneiden hielt ich sie in einer Hand und f?hrte sie unter dem Arm nach vorne. Eines Tages war ich die langen Haare leid. Doch f?r einen ordentlichen Schnitt brauchte ich einen guten Friseur. Eine Freundin empfahl mir den Salon ganz in der N?he meines Wohnsitzes. Er sei nicht teuer und sehr gut. Am darauffolgenden Tag machte ich einen Termin, zu dem ich meine Haare zu einem Zopf geflochten hatte. Stefan nahm den Zopf in die Hand und fragte, ob er jetzt wirklich ganz oben abschneiden sollte. Ich bejahte seine Frage. Er versicherte sich ein zweites Mal und auch diesmal war meine Antwort positiv. ?Also dann schneide ich jetzt ab, okay?? auch diesmal lie? ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen und die scharfen Kanten seiner Schere durchtrennten mein Haar. Danach hielt er den Zopf wie eine Troph?e hoch und alle Angestellten und Kunden im Laden wandten sich ihm kopfnickend, anerkennend oder applaudierend zu. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Leider lie? mein Portemonnaie h?ufige Besuche dort nicht zu, vielleicht war es aber auch meine neue Haarl?nge. Jedenfalls z?hmte er mein Haupthaar fortan etwa alle 8 Wochen. Zugegebenerma?en kann ein Friseursalon nicht unbedingt von mir existieren, gl?cklicherweise gab es jedoch noch andere Kunden. Meist hatte ich keine konkrete Vorstellung auf die Frage vorzubringen, was ich diesmal gerne h?tte und so war Stefan allein f?r mein Erscheinungsbild verantwortlich. Jedes Mal fiel das Ergebnis zu meiner Zufriedenheit aus. Unsere Konversation erstreckte sich ?ber Politik, Religion, Philosophie bis zur Quantenphysik und Literatur. Friseurgespr?che als weibliche Variante des Stammtisches. Einzig die ganz normalen Alltagssorgen lie?en wir links liegen. So manches Mal zogen wir die Aufmerksamkeit aller Anwesenden durch schallendes Gel?chter auf uns und unterhielten den gesamten Laden. St?rend war nur der laufende Radiosender im Hintergrund, den wir bereits durch unsere Konversation ersetzten.

Die 8 Wochen waren abgelaufen, meine Haare aus der Form und so wollte ich einen Termin vereinbaren. Doch am Telefon sagte man mir heute, dass Stefan nicht mehr da sei. Ich nehme an, er ist gefeuert worden, denn auf meine Frage, wo er jetzt sei, antwortete die Dame, sie wisse nicht mal, ob er schon wieder was hat. Nachdem ich den H?rer wieder aufgelegt hatte, merkte ich, wie sehr mir mein Friseur ans Herz gewachsen war. Es widerstrebt mir, einen neuen Friseur zu suchen. Den Richtigen zu finden ist eine schwere Aufgabe.
Das ist schlie?lich Vertrauenssache, wen ich so nah an mich heranlasse. Die Chemie muss stimmen. Einfach gegangen ist er, ohne mir was zu sagen, dieser Schuft. Dabei haben wir doch einiges miteinander erlebt, sind durch gute und schlechte Zeiten gegangen und haben einander vertraut. Sicher hatte er andere neben mir aber ich konnte dar?ber hinwegsehen, schlie?lich haben wir dar?ber gesprochen. Deswegen h?tte er nicht gehen m?ssen. Nein, ich bin noch nicht bereit f?r einen Neuen. Zu gro? ist Trauer und Schmerz. Ich glaube, ich werde meine Haare wieder wachsen lassen m?ssen.

Nachtrag: nach einem halben Jahr fing ich an, mich an den Neuen zu gew?hnen. Nat?rlich vergleiche ich ihn immer noch ab und zu mit Stefan. Er wei? das auch, denn wir sprechen dar?ber ganz offen aber er verzeiht es mir. Immerhin hat er mir die Zeit gegeben, die ich brauchte, um ?ber meinen schweren Verlust hinwegzukommen. Jetzt kann ich sogar schon zulassen, dass er mir die Haare w?scht. Heute durfte er zum ersten Mal meinen Scheitel ziehen.
20.1.06 12:39
 
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