Dünne Luft
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Schöner fliegen
Let me be your underwear

Club 69

[Überarbeitet am 19.3.]
In meinem nächsten Leben werde ich als Unterhose wiedergeboren. Ganz sicher bin ich mir nicht, weil ich schon lange keinen Auszug von meinem Schuldenkonto mehr zu Gesicht bekommen. Dann könnten mich all die Leute benutzen und bescheißen, die sich in diesem Leben von mir ungerecht behandelt fühlen. Im Gegenzug würde ich ihren Hintern umschmeicheln, ihre letzten, nicht abgeschüttelten Tröpfchen aufsaugen, ihre verletzlichsten Körperstellen wärmen und ihnen ein Zuhause bieten. Das wäre schon ziemlich selbstlos von mir. Immerhin steckt man ja nicht drin und das, was drinsteckt, mag auch nicht immer meinem ästhetischen Anspruch genügen. Da gibt es Körperteile, die bei manchen noch nie Sonnenlicht gesehen haben. Im dunklen Bade- oder Schlafzimmer kommen sie dann zum Vorschein und werden nach kurzem Funktionstest sofort wieder versteckt. Manchmal sind sie hinterher allerdings nicht mehr ganz so frisch wie vorher.

Ich hätte natürlich unregelmäßige Arbeitszeiten. Je nach Besitzer wäre ich schon mal zwei Wochen am Stück im Einsatz, dafür hätte ich allerdings den Rest des Monats frei. Bei einer Frau hätte ich es sicher besser, denn da müsste ich nur einen Tag arbeiten und bekäme unter Umständen sogar Schutzkleidung. Dafür müsste ich mich wohl jede Woche beim Schleudergang übergeben. Da ich aber direkt danach ins Nirvana will, müsste mein Besitzer schon ein Mann sein.

Und wenn ich dann völlig altersschwach und löchrig wäre, müsste ich meine Rente auch nicht mit Schuhe wichsen verbringen, sondern käme gleich zur Hinrichtung in den Reißwolf. Wenn’s gut läuft, hätte ich allerdings vorher noch eine kostenlose Weltreise vor mir. Dann könnte ich mir mal Pakistan oder Afrika anschauen. Oder aber ich käme in ein Obdachlosenasyl. Das wäre dann zwar für mein Karma phantastisch, denn vielleicht erreichte ich dadurch die Erleuchtung aber wer will schon eine erleuchtete Unterhose?

Was ich mir allerdings noch nicht überlegt habe, ist, was ich für eine Unterhose sein möchte. Ich meine, da gibt es ja erhebliche Unterschiede. Eine lange, eine normale, groß oder klein, Boxershorts oder gar ein Tanga? Frottée, Baumwolle oder Latex? Hätte ich einen Eingriff oder keinen? Käme ich als Weiße oder Farbige auf die Welt? Das sind die wirklich wichtigen Fragen, über die es nachzudenken lohnt. Man geht ja immer von seinem doch sehr beschränkten Erfahrungshorizont aus. Wer kann sich schon vorstellen, komplett anders wiedergeboren zu werden, als er jetzt ist? Höchstens überlegt man sich noch, wie es wäre, als Angehöriger des jeweils anderen Geschlechts zu leben, aber da hört dann die Vorstellungskraft auch schon auf.

Nehmen wir mal an, ich wäre eine lange Unterhose. Höchst wahrscheinlich würde ich nur in der kälteren Jahreszeit zum Einsatz kommen und den ganzen Sommer in einer dunklen Ecke des Schrankes verbringen. Vielleicht wäre da noch die ein oder andere verirrte Motte, die mir unliebsam Gesellschaft leisten und Löcher in mich hineinfressen würde. Das würde höchstens zur Wiedergeburt als Pyjama reichen. Dann schon lieber Schiesser Feinripp mit Eingriff. Als Boxershort könnte ich den ganzen Tag rumhängen und wäre lustig bunt bedruckt, als Tanga wäre mein Träger wenigstens kein Schwabe. Schwaben tragen keine Tangas, weil die sich aufgrund des geringen Stoffanteils nach ihrem Ableben nicht als Putzlappen verwerten lassen.

Kein lustiges Leben hätte ich als Unterhose eines Italieners. Den ganzen Tag müsste ich dem Griff an die Eier standhalten. Das geht an die Substanz. Durch die Reibung wird auf Dauer der Stoff an dieser Stelle dünner und ich würde vor meiner Zeit entsorgt. Und obwohl der Träger fest daran glaubt, es wende Unglück ab, macht es ihn im Grunde nicht nur an Würde arm und mich zum Pflegefall. Trüge mich vorwiegend ein Engländer, bliebe mir der Gang in die Sauna nicht erspart, denn der Engländer entblößt sich ungern vor Fremden. Das wird nur noch überboten von den Unterhosen junger Japanerinnen. Meist nur einmal getragen würde ich luftdicht verschweißt und auf Reisen geschickt oder läge in einem Automaten. Es empfinge mich ein einsamer Herr, der mir fortan stündlich seine Nasenhaare zwischen die Rippen drückte. Gibt es eigentlich für ausgeduftete Höschen eine Art Recyclingverfahren? Werden sie zurückgesendet und erneut getragen? Das nenne ich eine Marktlücke.

Sie sehen, all diese Kleinigkeiten wollen gut überlegt sein, bevor man dieses Leben hinter sich bringt und wieder in den ewigen Kreislauf von Tod und Geburt eingeht. Ich weiß schon, was Sie die ganze Zeit denken. Sie meinen, das wäre gemessen an so manch schlüpfrigen Details - auf die ich hier nicht näher eingehen möchte - gar nicht so übel, als Unterhose wiedergeboren zu werden. Pfui, schämen Sie sich! Tun Sie Buße und hoffen Sie auf die Gnade der Götter, denn sonst steht Ihnen in Ihrem nächsten Leben so manch schwere Stunde bevor.
Hoffen wir mal, dass das mit dem Nirvana bei mir demnächst klappt, weil so langsam hab ich hier die Schnauze voll.


[Ein eigenartiges Dasein führt die Unterhose von Herrn Mek. Der trägt sie nämlich sehr extravagant. Immerhin ist sie hier beerleuchtet]
26.1.06 19:15
 
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