Dünne Luft
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Schöner fliegen
Calling you

[Baghdad Caf?. Soundtrack]

Zwanzig nach acht. Das Telefon klingelt. Ich hebe ab.
Hallo, hier ist ihre T-Net-Box. Sie haben acht gespeicherte Nachrichten.

Ich wusste nicht, dass ich so ein Teil bei meinem Analoganschluss ?berhaupt habe, bis mir eine ?hnliche Stimme dies vor etwa vier Wochen morgens um halb neun freundlich mitteilte und mich bat, meine Geheimziffer einzugeben. Als ich wortlos auflegte, klingelte es erneut und die freundliche Stimme insistierte geradezu auf eine Geheimzahl. Nach dem vierten Klingeln habe ich den Stecker gezogen. Ein Anruf im Servicecenter best?tigte meine Vermutung, dass ich diese Einrichtung nicht willentlich und auch nicht im Suff bestellt hatte. Man versicherte mir, die Box w?rde abgestellt.

Bitte geben sie ihre Geheimzahl ein.

Ich probier?s mal mit meiner Kreditkartennummer. Daraufhin werde ich mit einer s?uselnden Mitarbeiterin im Servicecenter verbunden, jedoch nicht ohne mich vorher in den Genuss der kompletten musikalisch aufgewerteten Warteschleife gebracht zu haben.

Guten Abend, mein Name ist Sowieso, was kann ich f?r sie tun?

Bei dieser Fragestellung werde ich misstrauisch. Wieso will da jemand was f?r mich tun? Vor zwei Wochen hat mir eine ebenso s?uselnde Stimme dieselbe Frage gestellt und passiert ist nix. Ich glaube, das ist ein ganz mieser Trick. Die wollen doch nur wissen, wer hinter all den Nummern steckt. Die S?uslerin macht in ihrer Freizeit in Telefonsex mit St?hnen und so und jetzt sucht sie nur nach zahlungskr?ftiger Kundschaft. Ich gebe zu, meine Rechnung ist ohne DSL und Flatrate ziemlich hoch. Das ist der Preis der Faulheit. Aber ich will nicht, dass sich mir jemand anbietet, ja derma?en anbiedert. Wenn ich was brauche, dann sage ich das schon.

Entschuldigung, sie haben MICH angerufen. Was wollen sie von mir?
Ich verstehe nicht? Sie m?chten ihre T-Net-Box erreichen?

Das einzige, was ich seit drei Wochen erreichen m?chte, ist, dass einer so gn?dig ist und das bl?de Ding abstellt. Wenn ich einen Anrufbeantworter haben m?chte, kauf ich mir einen. Kommt mir fast vor wie bei diesen Kaffeefahrten, bei denen man mindestens eine Rheumadecke und zwei K?chenmaschinen erwerben muss, um sich den Platz f?r die R?ckfahrt zu sichern.

Ich m?chte, dass endlich mal jemand diese verfickte T-Dingsbox abstellt! Das ist es, was ich m?chte. W?rden sie mich jetzt noch fragen, warum ich das m?chte, dann sage ich ihnen, dass es ein Ding der Unm?glichkeit zu sein scheint und ich habe eine Vorliebe daf?r, Unm?gliches m?glich zu machen.
Bitte wenden sie sich hierzu an die Beschwerdestelle unter der Nummer 0800XXXXXXX

Die Nummer muss ich mir nicht einmal aufschreiben, die kann ich schon auswendig.
Ich will mich aber just in diesem Moment aufregen, denn das ist gut f?r Kreislauf und Haut.

Entschuldigen sie, momentan sind SIE f?r mich die Telekom und ich m?chte ihnen sagen, dass ich nicht bereit bin, Zeit und Geduld f?r etwas zu investieren, das ich nie haben wollte.
Dann muss ich ihnen leider sagen, dass ich hier nicht der richtige Ansprechpartner bin. Die T-Net-Box ist standardm??ig bei fast allen Anschl?ssen...
Was heisst fast?

Jetzt hab ich sie. Jetzt kommt sie mir nicht mehr aus. Jetzt mach ich sie fertig.

...dabei ist. ?h... ja es gibt einen ISDN und einen Analoganschluss, bei dem das nicht serienm??ig dabei ist. Aber ich kann das hier nicht sehen, was sie f?r einen...

Aha, da haben wir?s: Inkompetenz. Manche Menschen gehen in der Wahl ihres Berufes einfach zu weit. Vielleicht h?tte sie doch bei der Sexnummer bleiben sollen. Andererseits gibt es auch Firmen, die ihre Mitarbeiter gerne dumm halten. Der CIA ist so eine Firma. Ich glaube allerdings nicht an eine Verquickung zwischen CIA und Deutscher Telekom.

Stellen sie das Ding ab, ich will es nicht, ich brauche es nicht, ich hasse es, weil es mich morgens um halb neun aus meinem wohlverdienten Schlaf reisst. Wissen sie, wie schwer man es als Schichtarbeiter hat? Nein? Dann will ich ihnen das mal erz?hlen...

Ich glaube nicht, dass die Dame das interessiert. Es ist nur eine weitere Taktik, sie m?rbe zu machen und sie aus reiner Verzweiflung zu veranlassen, meinem Wunsch nachzukommen.

Ich kann ihnen anbieten, dass ich jetzt ihre T-Net-Box inaktiv stelle. Abgeschaltet wir sie dann sp?testens morgen Abend sein.

Na also, geht doch. Zur Sicherheit schiebe ich gleich noch einen hinterher.

Wissen sie, ich musste in meinem Leben genug leiden. Ich bin unheilbar krank, neben meinem Beruf am Band muss ich meine kranken Eltern pflegen ? beide bettl?gerig ? und die vier unehelichen Kinder wollen halt auch noch ein wenig von ihrer Mutter haben. Seit ich die Teilinvalidit?t genehmigt bekommen habe, geht wenigstens nicht mehr so viel Zeit f?r Parkplatzsuche drauf. Aber beim Arzt muss ich immer noch stundenlang wegen des Methadonrezeptes...

Eine automatische Ansage macht mich darauf aufmerksam, dass ich noch f?r eine abschlie?ende Mitarbeiterbewertung am Apparat bleiben soll.
Das mach ich doch gerne. Schlie?lich hat man?s als Servicepersonal in Deutschland auch nicht leicht.
10.2.06 21:05
 
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