Dünne Luft
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Schöner fliegen
Fifteen feet of pure white snow

[Nick Cave]

Superwetter war das heute. Schnee in rauen Mengen. Kurz nach Öffnen der Fenster holte ich mir einen Stuhl, um einem seltsamen Schauspiel beizuwohnen. An meiner Straße parken die Autos nicht hinter- sondern nebeneinander. Gegen 8.00 begann der erste Autobesitzer, seinen Wagen von den Schneemassen zu befreien. Er schaufelte den Schnee jedoch nicht auf die Straße, sondern vor die Autos neben seinem und fuhr anschließend weg. Der nächste Fahrer ließ nicht lange auf sich warten. Doch der hatte nun nicht nur seinen Haufen, sondern auch den des Nachbarn zu entsorgen. Nach etwa zwei Stunden wurde mir langweilig. Da ich nicht unbedingt der geborene Zuschauer bin, wollte ich teilnehmen. Also suchte ich die Herausforderung und zunächst mein eigenes Auto. Gefunden habe ich es relativ schnell. Was ich jedoch nicht hatte, war eine Schneeschaufel. Ein BMW, der vor meiner Kiste abgestellt war, versuchte gerade erfolglos, aus der Lücke zu kommen. Ich bot meine Körperkraft im Tausch gegen seine Schneeschaufel an. Leider war den durchdrehenden Reifen damit nicht beizukommen. Ein weiterer Autobefreier eilte hinzu, schob, schaufelte, entwickelte Theorien und packte mit an. Für städtische Verhältnisse wurde das richtig kommunikativ. Als der Wagen etwa zur Hälfte auf die Straße ragte, sich anschließend jedoch keinen Millimeter mehr bewegen ließ und deswegen kein Durchkommen mehr war, stießen weitere Autofahrer hinzu. Während die Männer beratschlagten, schoben und scheiterten, lieh ich mir heimlich eine der freien Schaufeln, um mein eigenes Auto zu befreien. Irgendwann nach einer halben Stunde war es abgeräumt, der BMW fuhr und weitere Autos wurden aus den Parklücken geschoben. Und dann wäre ich an der Reihe gewesen. Doch da waren sie plötzlich verschwunden, die sauberen Herren. Froh, nicht mehr ihren fahrbaren Schwanzersatz entbehren zu müssen, haben sie Gas gegeben und mich durchnässt zurückgelassen. Es gibt keine Liebe mehr unter den Menschen. Wo vorher noch die Ausweglosigkeit der Schneeberge vereinte, trennte nun das dünne Blech einer Autotüre.
Geholfen habe ich mir letztlich selbst, denn was die einen mit Muskelkraft bewerkstelligen, machen die anderen mit Grips und Können. Der anschließende Spaziergang war ebenfalls sehr unterhaltsam. Überall Menschen auf den Straßen, die Autos gemeinsam freischaufeln, anschieben und glücklich sind. Wer heute ein Auto sein eigen nannte, war schnell umzingelt von Spaziergängern, die dem Schaufler mit Rat und Tat zur Seite standen. Noch nie haben sich so viele Fremde auf der Straße wissend angelächelt und freundliche Worte getauscht. Ich hoffe, es schneit bald wieder.
5.3.06 21:29
 
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