Dünne Luft
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Schöner fliegen
Heartattack and vine

[Tom Waits]

Auf gestern war ich gespannt wie ein Flitzebogen, weil ich bis dato keinen der Vortragenden persönlich kannte. Das Vortreffen für morgen war dann sehr vielversprechend - soviel kann schon vorab verraten werden - denn die Anwesenden sind durch die Bank unglaublich humorvolle und unterhaltende Menschen. Und wie das halt so ist mit der Nervosität, sucht die sich meistens ein Ventil. Also habe ich unheimlich viel geraucht und ein wenig zu viel getrunken. Überhaupt geht viel rauchen nur mit viel trinken, weil man sonst einen ganz fiesen Geschmack im Mund bekommt. Den kriegt man dann mit Wasser alleine nicht weg und es muss schon ein wenig Alkohol beigemengt sein, der neutralisiert. Aber Alkohol kann ich nicht trinken ohne zu rauchen, weil der so ohne Zigarette nicht schmeckt. Eine sehr vertrackte Situation, die ich bereits mit Anfang Zwanzig meiner Mutter erfolglos zu erklären versuchte. Jetzt könnte ein Schlaumeier behaupten, man könne ja sowohl auf Zigaretten als auch Alkohol verzichten. Geht gar nicht, denn dann hätte ich ja keine Laster mehr und ohne Laster ist man spießig. Ich will damit nicht ausdrücken, dass alle Leute, die weder rauchen noch trinken Spießer sind. Nein, die haben bestimmt so Laster, die man nicht sieht. Vielleicht tragen sie Frauenunterwäsche. Sonderbar ist das aber auch nur, wenn sie dem männlichen Geschlecht angehören und keinerlei Tendenzen zur Transsexualität aufweisen. Andernfalls wäre das auch wieder spießig.

Manche Laster kann man auch sehen, z.B. gutes Essen. Wer gerne gut und viel isst, bezeichnet die kleine oder auch größere Wölbung über dem Gürtel meist zärtlich als einen teuren Bauch. Schön zu beobachten ist auch die Wanderung des Gürtels über den Rumpf. Erst rutscht er – vom Bäuchlein sacht verdrängt - langsam Richtung Hüftknochen, um sehr viel später seinen Platz knapp unter den Brustwarzen einzunehmen. Damit wären wir auch schon beim nächsten Laster: Geld. Ich habe wenig davon, weswegen sich mein Gürtel noch nach unten bewegt. Irgendwann habe ich dann so viel gespart, dass ich mir neue Kleidergrößen leisten kann und dann kann ich mir den Gürtel sparen, denn dann wird die Hose vom BH gehalten. Das ist sehr praktisch. Allerdings kriege ich keinen Bauch vom vielen Essen. Der kommt mehr davon, dass das Essen irgendwie von der Verkehrszentrale in meinem Körper an die falschen Stellen umgeleitet wird. Das ist wie auf den Straßen. Man hört Verkehrsfunk und da kommt keine Meldung von der Strecke, die man sich zu fahren vorgenommen hat. Also fährt man völlig unbekümmert vor sich hin und findet sich plötzlich in einem Riesenstau wieder. Dann hört man im Radio, wie lange der Stau ist, seine Ursache und stellt fest, dass der schon mindestens eine Stunde vor der eigenen Ankunft begonnen haben muss. Man wählt eine Umleitung, die laut Verkehrsfunk empfohlen wird, doch ist man nicht der Einzige, der hinterlistig dort hingeleitet wurde. So steht man wieder im Stau. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo man nichts mehr zur Verbesserung seiner Situation tun kann. Also zückt man das Handy, erklärt Arbeitgeber oder wartender Freundin, dass man vermutlich sehr viel später kommt und entspannt sich. Genau so ist das mit dem Essen in meinem Körper. Das entspannt sich gerade um meine Taille und die Hüfte. Wann es sich von dort wegbewegen wird, ist noch unklar. Ich warte nicht mehr darauf, sondern lenke mich so lange einfach mit einer Zigarette und einem guten Glas Wein ab.
15.3.06 12:06
 
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